WORK IN PROGRESS
Repräsentationen von Arbeit im Dokumentarfilm
am 15. und 16. Januar im Filmhaus Köln
Arbeit strukturiert unser Leben: Sie prägt Körper, Routinen und Beziehungen, formt soziale Verhältnisse und hinterlässt Spuren in Räumen und Materialien. Zugleich bleibt vieles von ihr unsichtbar – ausgelagert, verlagert, verdrängt: in Produktionsstätten, privaten Haushalten und digitalen Oberflächen. Der Dokumentarfilm bewegt sich in diesem Feld nicht bloß als abbildendes Medium, sondern als ästhetisch-analytische Praxis, die Arbeitsverhältnisse sinnlich wie gedanklich erschließt, ihre Bilder und Narrative formt, Wirklichkeit mitgestaltet. Zugleich ist sie selbst Arbeit: verwoben mit den sozialen und materiellen Strukturen, die ihre ästhetischen Formen ermöglichen und begrenzen.
Das zweitägige Symposium WORK IN PROGRESS – REPRÄSENTATIONEN VON ARBEIT IM DOKUMENTARFILM (15./16. Januar 2026, Filmhaus Köln) widmet sich dieser doppelten Bewegung. In gemeinsamen Sichtungen, Werkstattgesprächen, Vorträgen und offenen Diskussionsformaten wird untersucht, wie dokumentarische Bilder Arbeit zeigen, historisieren, reflektieren und strukturieren — und unter welchen ökonomischen Bedingungen sie selbst hervorgebracht werden.
Den Auftakt bildet ein Kurzfilmprogramm, das die Zentralen Linien des Symposiums markiert: MATERIAL, KÖRPER, MASCHINE, BILD. Zwischen der Herstellung eines Glasauges in ANOPHTALMUS (Katharina Pethke), der industriellen Choreografie von RHYTHM (Len Lye) und Harun Farockis früher Reflexion auf Werbebilder JEDER EIN BERLINER KINDL öffnen die Filme ein Feld, in dem sich Material, Bewegung und Blick zueinander verhalten: wie Arbeit Prozesse strukturiert, wie sie sich in Gesten einschreibt und wie Bilder jene Regime des Sichtbaren erzeugen, in denen Arbeit überhaupt erkannt, gelesen, bewertet werden kann. Diese Linien nimmt der Impuls von Christoph A. Büttner auf: TRANSFORMATIONEN IM SICHTBAREN. ZUM DOKUMENTARFILMISCHEN BLICK AUF DIE ARBEIT. Er fragt, wie dokumentarische Bilder Arbeit nicht einfach enthüllen, sondern überhaupt erkennbar machen – und wie Vorstellungen von Arbeit selbst in filmische Formen eingehen.
Von hier entfaltet das Programm eine Bewegung durch unterschiedliche Arbeitsregime und ihre filmischen Figurationen: von der Körperarbeit im Gelände – etwa in der Gegenüberstellung industriell gerasterter Agrarlandschaften in VALLEY PRIDE (Lukas Marxt) und den informellen Sammelökonomien in OLANDA (Bernd Schoch) – über migrantische Fabrik- und Care-Arbeit in EKMEK PARASI – GELD FÜR’S BROT (Serap Berrakkarasu).
Das von Studierenden entwickelte PLENUMSFORMAT führt diesen Parcours weiter: In kleineren Gruppen wird ausgehend von ausgewählten Filmausschnitten ein Raum gemeinsamen Sehens, Denkens und Sprechens eröffnet, in dem unterschiedliche Erfahrungen und Wissensformen miteinander ins Gespräch kommen.
Im Anschluss verschiebt sich der Blick in jene Bereiche, in denen Arbeit kaum noch sichtbar wird, gleichsam aber die Grundlagen unserer Wirklichkeits-, Wissens- und Technologieordnungen prägt: in die analoge Erinnerungsarbeit, die LEHRFILM ÜBER DIE REKONSTRUKTION VON STASI-AKTEN (Anke Limprecht) erfahrbar macht, und in die global ausgelagerte digitale Ordnungsarbeit der Clickworker in THEIR EYES (Nicolas Gourault), die unter prekären Bedingungen jene visuellen Setzungen vornehmen, die die Welt konstituieren, in der maschinelle Systeme überhaupt erst operieren können.
Mit dem Abendprogramm rückt IN DIR MUSS BRENNEN (Katharina Pethke) jene Formen von Arbeit in den Mittelpunkt, die nicht mehr an Maschinen, Orte oder Werkzeuge gebunden sind, sondern an Subjektivität selbst. In Motivationsseminaren, Coaching-Sprachen und rhetorischen Imperativen der Selbstführung erscheint Arbeit als permanente Anforderung an Persönlichkeit, Stimme, Haltung und Affekt – als inneres Produktionsregime der New Economy.
Der Vormittag des zweiten Tages führt in Zonen, in dem Arbeit häufig unsichtbar bleibt: Sorge, Hausarbeit und Formen kollektiven wie individuellen Widerstands. Das Kurzfilmprogramm eröffnet einen Dialog zwischen filmischen Generationen – von frühen feministischen Arbeitsbildern (ANGELIKA URBAN, VERKÄUFERIN, VERLOBT) über amateurfilmische Archive reproduktiver Gesten (INVISIBLE HANDS), von reflexiv-autobiografischen Miniaturen zu Sorge-Zeit und alltäglicher Selbstverortung (O! FORTUNA! WORK IN PROGRESS I–VI) bis hin zu kollektiven Organisierungsprozessen indischer Hausarbeiterinnen (MOLKARIN). So entsteht ein filmischer Raum, in dem Reproduktions- und Care-Arbeit als politisches, ästhetisches und affektives Feld sichtbar wird. Heide Schlüpmann nimmt diese Linien auf und öffnet sie filmphilosophisch wie historisch als Denkfeld zwischen Frauen-Arbeit, Kino und Erfahrung.
Schließlich richtet das Symposium den Blick auf die Produktionsverhältnisse dokumentarischer Arbeit. In EIN FILM ÜBER DEN ARBEITER (Stefan Hayn) wird die Herstellung filmischer Bilder selbst zum Gegenstand: Repräsentation schlägt in Selbstbefragung um und legt jene materiellen, psychischen und institutionellen Bedingungen offen, die künstlerische Arbeit strukturieren und begrenzen. TO BE AN EXTRA (Henrike Meyer) erweitert diese Perspektive, indem der Film die marginalisierte Tätigkeit von Statist:innen mit den prekären Realitäten der Filmemacherin verschränkt und sichtbar macht, wie sich Abhängigkeiten, Unsicherheit und Fürsorge in die sozialen Beziehungen der Filmproduktion einschreiben. Filmarbeit wird sichtbar als soziale, emotionale und ökonomische Arbeit – als eine Praxis der Fürsorge für Bilder, für Menschen, für die Beziehungen, die dokumentarische Formen überhaupt erst ermöglichen.
Das abschließende Panel WHO CARES – ARBEITSBEDINGUNGEN UND WERTIGKEITEN DES DOKUMENTARFILMS bündelt diese Perspektiven: Filmschaffende, Verbands- und Interessenvertreter:innen sowie Stimmen aus der Soziologie diskutieren über Prekarität, Vergütung, soziale Absicherung, Förderlogiken und die gesellschaftliche Bedeutung dokumentarischer Arbeit. Im Zentrum steht die Frage, welche Formen von Care-Arbeit der Dokumentarfilm für eine demokratische Öffentlichkeit leistet – und wer sich um jene kümmert, die diese Bilder herstellen.
WORK IN PROGRESS adressiert Filmschaffende und -theoretiker:innen, Kurator:innen, Studierende, Produzent:innen, Sozialwissenschaftler:innen, Journalist:innen und die am Dokumentarfilm interessierte Öffentlichkeit. Das Symposium versteht sich als dialogischer Raum, in dem der Wandel von Arbeit und der Wandel dokumentarischer Formen zusammengedacht werden: Wie erscheinen Arbeitswelten im Bild? Welche Geschichten lassen sich (nicht mehr) erzählen? Und welche politischen Forderungen ergeben sich, wenn wir die von ihnen eröffneten Perspektiven und Realitäten weiterdenken und den Dokumentarfilm zugleich als ästhetische Praxis, als Arbeitsfeld und als gesellschaftliche Ressource begreifen?
Am Abend vor dem Symposium (Mittwoch, 14.01.2025) präsentiert die dfi in Kooperation mit der Duisburger Filmwoche um 19 Uhr OLANDA im Filmhaus Kino. Der Film ist am ersten Tag des Symposiums (15.01.) Gegenstand eines vertiefenden Werkstattgesprächs mit dem Regisseur Bernd Schoch und dem Kameramann Simon Quack sein.
Für angemeldete Teilnehmer:innen des Symposiums ist der Eintritt kostenlos, optional wird ein zeitlich limitierter Online-Screener von OLANDA zur Verfügung gestellt.
OLANDA ist Teil eines von Friederike Horstmann und Patrick Holzapfel aus dem Archiv der Duisburger Filmwoche gehobenen Filmprogramms, mit dem die 50. Jubiläumsausgabe des Festivals eingeläutet und das dfi-Symposium um filmhistorische Tiefenschichten und dokumentarische Genealogien von Arbeit bereichert wird.
Programm
Eine Veranstaltung der dfi - Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW. Gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, vom Kulturamt der Stadt Köln und der VFF - Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten. In Kooperation mit AG DOK, Arsenal — Institut für Film und Videokunst e.V., Duisburger Filmwoche, Filmhaus Köln, Kunsthochschule für Medien Köln, Köln im Film, Netzwerk Filmkultur NRW und Werkleitz Gesellschaft e.V.