Zum Tod von Frederick Wiseman
Frederick Wiseman (1930–2026) hat den Dokumentarfilm kontinuierlich geprägt, indem er ihn radikal ernst nahm: als Mittel, gesellschaftliche Wirklichkeit sichtbar und untersuchbar zu machen. Als Pionier des Direct Cinema richtete er seit den 1960er Jahren seinen Blick vor allem auf die Institutionen der Vereinigten Staaten – Schulen, Gerichte, Krankenhäuser, Verwaltungen, kulturelle Einrichtungen. In seinen Filmen erscheinen diese Institutionen nicht als abstrakte Systeme, sondern als gelebte soziale Praxis: als Gefüge von Arbeit, Sprache, Regeln, Entscheidungen und Beziehungen. Ohne Kommentar oder Interviews, getragen von Dauer und der analytischen Kraft der Montage, entfaltet sich eine Form des dokumentarischen Erzählens, in der Bedeutung aus Situationen selbst hervorgeht. Wisemans Filme zeigen, wie Ordnung, Verantwortung und Konflikt im institutionellen Alltag Gestalt annehmen und verhandelt werden. Beobachtung ist hier nicht Zurückhaltung, sondern ein präzises Instrument der Erkenntnis.
Mit Wisemans Tod verliert der Dokumentarfilm einen Filmemacher, der gesellschaftliche Wirklichkeit sichtbar machte, ohne sie zu vereinfachen – und gerade so zeigte, dass dokumentarisches Kino politisch sein kann, ohne laut zu werden.
Die 2009 als Band 12 in der dfi-Reihe „Texte zum Dokumentarfilm“ erschienene Publikation "Kino des Sozialen. Die Dokumentarfilme von Frederick Wiseman" (hg. von Eva Hohenberger) versteht Wisemans Filme als Analysen sozialer Praxis und widmet sich zugleich ihrer filmischen Form sowie ihrer politischen Dimension. Mit Beiträgen von Christine Noll Brinkmann, Giovanna Chesler, Bill Nichols, Bert Rebhandl, Dave Saunders, Markus Stauff, Brian Winston u. a. Das Vorwort des Buches ist hier nachzulesen und eine Leseprobe von Bert Rebhandls Text zu Wiseman gibt es hier.
Foto: Antoine Yar (CC4)