Position: Hara Kazuo
Filmscreenings und Werkstattgespräch, 15. bis 18. April, dokumentarfilmwoche hamburg
Die vier Filme, die Hara Kazuo gemeinsam mit seiner Produzentin und Lebenspartnerin Kobayashi Sachiko zwischen 1972 und 1994 realisiert hat, begreifen Realität im Dokumentarfilm als vom Film aufgezeichnet und von ihm hervorgebracht. Nicht einfach, weil der Filmemacher anwesend ist, sondern weil er anwesend und eingreifend die Realität in Bewegung, in Aktion versetzt. Haras »Action Documentaries« vollziehen dies in großer Direktheit, in »plain sight« – in ihnen bildet sich Filmemachen als Aushandeln eines Konfliktes ab, der im Bild, zwischen Filmemacher und Protagonist:innen sowie den Zuschauer:innen und der Leinwand aufgefaltet und zurück in die Welt getragen wird.
Bei einem Werkstattgespräch am 18. April freuen wir uns, mit Hara Kazuo in einen Dialog über seine Arbeiten zu treten.
Nachdem Hara bereits einige Jahre unter Menschen mit Behinderung gelebt und gearbeitet hat, dreht er 1972 gemeinsam mit dem Green Lawn Movement, einer Gruppe von Aktivist:innen mit Zerebralparese, GOODBYE CP. Im Geiste der damaligen Studierendenproteste ist Haras erster Film die radikale Provokation und Brechung eines ableistischen Blickes: Die Distanz zwischen seinen Protagonist:innen und der sie umgebenden Welt macht Hara sichtbar, verstärkt und provoziert sie. Dass er dabei selbst auch wiederholt Grenzen überschreitet, Gewalt reproduziert oder gar selbst herstellt, erzählt etwas über die konflikthafte Komplexität, den hierarchisierenden Setzungen einer Gesellschaft entkommen und etwas entgegensetzen zu wollen. Es gibt in Haras Filmen nie die (ohnehin unsinnige) Selbstsicherheit, alles richtig zu machen – vielmehr bilden sie das Suchen nach einer Haltung ab, samt der Fehltritte und -entscheidungen.
Wenig später entsteht mit EXTREME PRIVATE EROS: LOVE SONG (1974) ein Film, von dem Hara in seinem Buch »Camera Obtrusa« schreibt: »So there was this love affair between a man and a woman; and then there was Okinawa, which had quite of a bit of significance at the time. We thought of it as intense, as cutting-edge.« Aus dieser Konstellation zwischen ihm und seiner ehemaligen Lebensgefährtin Takeda Miyuki entwickelt sich ein Film, in dem Rollenbilder und Begehren, Utopien und Trivialitäten entlang aller Blickachsen des Films leidenschaftlich, übergriffig, bestechend realitätsnah ausgetragen werden.
Mit dem 13 Jahre später fertiggestellten THE EMPEROR’S NAKED ARMY MARCHES ON (1987) macht Hara einen Film, der bis heute einen quasi legendären Moment innerhalb des militanten Kinos darstellt. Das Porträt des Aktivisten Okuzaki Kenzō in seiner Suche nach der Wahrheit über einige tote Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs entgleitet den üblichen Formeln des Genres und eskaliert zur filmischen Aushandlung von Gewalt als künstlerischer und politischer Praxis, zum Kampf zweier Inszenierungsbegehren vor und hinter der Kamera.
Einem Selbstinszenierer begegnet Hara auch einige Jahre später mit A DEDICATED LIFE (1994): Der Schriftsteller Inoue Mitsuharu gefällt sich in der Selbstmythologisierung seiner Künstlerpersona, die der Film nach und nach als gewaltvoll und erlogen sichtbar macht.
Die dokumentarfilmwoche hamburg möchte diese Filme mit einer Gegenwart in Dialog setzen, in der sich Fragen nach der Relevanz oder Widerständigkeit politischen Filmemachens neu, oder verstärkt stellen: Haras »Action Documentaries« sind keine direkten Antworten, können aber dazu beitragen, die Dimensionen der Fragen weit (gelegentlich bis an die vielbesungene Schmerzgrenze) aufzufalten. Während des Festivals werden alle vier Filme in Anwesenheit Haras gezeigt und diskutiert. Zudem wird ein längeres Werkstattgespräch größere Zusammenhänge ausführlich zur Sprache bringen und eine Verbindung zu späteren Arbeiten herstellen, die dieselbe politische Haltung in deutlich anderen ästhetischen Formen verarbeitet.
Im Anschluss an das Festival wird Haras neuester Film, der sechsstündige MINAMATA MANDALA (2020) am Sonntag, den 3. Mai im B-Movie in Hamburg zu sehen sein. (alb/bs)
GOODBYE CP (1972) 3001, Mittwoch 15. April, 14 Uhr
EXTREME PRIVATE EROS: LOVE SONG (1974) 3001, Donnerstag 16. April, 16.15 Uhr
THE EMPEROR’S NAKED ARMY MARCHES ON (1987) B-Movie, Freitag 17. April, 15.30 Uhr
A DEDICATED LIFE (1994) Metropolis, Samstag 18. April, 14.30 Uhr
Werkstattgespräch: fuxLAB, Samstag 18. April, 11 Uhr
MINAMATA MANDALA (2020) B-Movie, Sonntag 3. Mai,11 Uhr
Veranstaltet von der dokumentarfilmwoche hamburg mit freundlicher Unterstützung der Japanfoundation. In Kooperation mit der dfi - Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW e.V. Die dfi-Projekte werden gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.