Dokumentarfilminitiative

Alexander Kluge (1932-2026)

Mit Alexander Kluge ist eine der prägenden Figuren des Neuen Deutschen Films gestorben – und ein Autor, der seine Arbeit nie als abgeschlossenen Zusammenhang verstanden hat. Seine Filme, Texte und Fernseharbeiten bewegen sich zwischen den Formen, verbinden Materialien, Motive und Gedanken über Medien hinweg und setzen sie immer wieder neu zueinander in Beziehung.

Das Dokumentarische war für Kluge dabei kein Gegenpol zur Fiktion. »Fakten allein sind nicht wirklich, Wünsche nur für sich auch nicht« – ein zentraler Satz seines Denkens, den Christian Schulte im Vorwort von Band 5 der dfi-Reihe »Texte zum Dokumentarfilm« hervorhebt. Wirklichkeit entsteht für Kluge nicht aus dem Gegebenen, sondern in den Relationen, Übergängen und Konstellationen, die hergestellt werden.

Darin liegt das Besondere seiner Arbeitsweise. Seine Filme ordnen an, statt abzubilden, sie verbinden Dokumente und Erzählungen, Analyse und Imagination, ohne diese Elemente in eine einheitliche Form zu zwingen. Montage wird bei Kluge zu einem Verfahren, das Unterschiede sichtbar hält und Zusammenhänge eröffnet; seine Arbeiten setzen in den Brüchen, in den Zwischenräumen und in den Lücken an, die sie nicht schließen.

Diese ästhetische Offenheit ist bei Kluge immer auch politisch zu verstehen. Öffentlichkeit ist für ihn kein gegebener Raum, sondern ein Zusammenhang, der sich erst in der Herstellung von Beziehungen bildet – gegen Zersplitterung, gegen Vereinzelung und standardisierte Formen der Wahrnehmung. Daran hat er nicht nur als Autor gearbeitet, sondern auch filmpolitisch, institutionell und lehrend: im Aufbau von Strukturen, in der Auseinandersetzung um Förderung, Ausbildung und Fernsehen, in der Beharrlichkeit, dem Film andere Möglichkeiten zu eröffnen.

Was mit seinem Tod verloren geht, ist diese seltene Verbindung von ästhetischer Radikalität und praktischer Wirksamkeit – die Konsequenz, mit der Kluge an Formen, Institutionen und Erfahrungsräumen zugleich gearbeitet hat.

Der bereits in dritter Auflage erschienene Band 5 der dfi-Reihe »Texte zum Dokumentarfilm«  – Alexander Kluge: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. Texte zu Kino, Film, Politik (hg. von Christian Schulte) – versammelt zentrale Texte, Gespräche und Entwürfe, in denen sich Kluges Denken zum Dokumentarischen, zur Form des Films und zu seinen politischen Voraussetzungen nachlesen lässt.