DVD, VOD, PODCAST & CO
Die digitale Auswertung von Dokumentarfilmen
Was bleibt? Was kommt? — Eine Zwischenbilanz

Digitale Strategien von ARD und ZDF und die Auswirkungen auf die dokumentarischen Programme
Autor: Fritz Wolf

Dokumentation des Workshops
September 2007

pdf Digitale Strategien von ARD und ZDF

Lange Jahre war die Digitalisierung etwas für Medienkongresse und ein sehr umfangreiches Thema für Medienphilosophen. Jetzt ist sie plötzlich da und zwar ganz real und ganz schön mächtig. ZDF-Intendant Markus Schächter hat das auf den diesjährigen „Mainzer Tagen der Medienkritik“ so formuliert: „„Die Dynamik der zweiten digitalen Welle besitzt die Durchschlagskraft und die Veränderungsmacht eines fundamentalen Paradigmenwechsels. Wenn in den nächsten fünf Jahren der analoge Switch off vollzogen ist, dann sind die heutigen Unterschiede zwischen Fernsehen und Internet durchgehend verschwunden.“

Man sieht es zum Beispiel auch an den digitalen Programmbouquets der öffentlich-rechtlichen Sender. Es gibt sie schon seit Jahren, aber niemand hat sie bemerkt, weil sie unter der Schwelle der öffentlichen Wahrnehmung lagen. Eins Festival z.B. hatte grade mal einen Marktanteil von 0,01 Prozent. Aber jetzt wollen sowohl ARD wie ZDF diese Bouquets ausbauen. Aus „Eins Extra“ zum Beispiel will die ARD einen Nachrichtenkanal basteln, indem sie sozusagen die Nachrichtenredaktionen beim NDR prolongiert. Das ZDF hat mit „ZDF Info“ das Gleiche vor.

Daran hat sich auch sofort eine medienpolitische Debatte entwickelt, ob die Öffentlich-rechtlichen das überhaupt dürfen. Die Zeitungsverleger und die Zeitschriftenverleger sehen sich insgesamt durch die Internet- Aktivitäten in ihren Geschäften bedroht und die Privatsender befürchten, durch öffentlich-rechtliche Nachrichtenkanäle stünden ihre eigenen Nachrichtensender N24 und n-tv bald vor dem Konkurs. RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt und ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch haben den Ministerpräsidenten der Länder, die für die Medienpolitik zuständig sind, sogar einen Beschwerdebrief geschickt: angeblich gefährden die öffentlich- rechtlichen Sender die privaten Nachrichtenkanäle. Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) droht, wieder in Brüssel vorstellig zu werden, wenn ARD und ZDF weiterhin ihre Digitalsender ausbauen. All diese Debatten werden noch schärfer werden und das zeigt schon, dass einiges auf dem Spiel steht.

Und schließlich zeigt auch die Funkausstellung, wo es demnächst lang geht. Das ZDF hat die nunmehr dritte Version ihrer „Mediathek“ vorgestellt. Dort sind jetzt angeblich etwa 50 Prozent der Programme sieben Tage nach der ersten Ausstrahlung abrufbereit, kostenloses Abruffernsehen. Die ARD ist noch nicht ganz soweit, aber sie plant mit ihrem Angebot, das sie einfallsreich ebenso „Mediathek“ nennt, genau das Gleiche.

Was sie darüber hinaus noch planen, dazu gleich noch Näheres. Ich will zuvor aber noch einmal die Umrisse skizzieren, was alles und wer aller von dem Prozess der Digitalisierung betroffen und getroffen ist.

Digitalisierung hat zunächst einmal Auswirkung auf das Mediensystem als Ganzes. So lösen sich die bis jetzt eher bequemen Verhältnisse des „dualen Systems“ auf. Neue Betreiber kommen ins Spiel, sind schon im Spiel. Die Kabelgesellschaften etwa, die zugleich auch Programme bündeln und anbieten. Ebenso die Telekommunikationsfirmen, die ihrerseits selbst auch Programm veranstalten wollen, mit ihrem Modell „Triple play“ – Telefon, Internet und Fernsehe aus einer Hand – schon unterwegs sind und den Markt mit bislang noch nicht allzu großem Erfolg aufmischen.

Die Erosion des dualen Medienmodells trifft natürlich auch die kommerziellen Fernsehsender, die darüber gar nichts so glücklich sind. Sie müssen sich auch nach neuen Geschäftsmodellen umsehen. Die kommerziellen Sender zielen auf Pay-TV und bauen derzeit auch ihre Digitalkanäle und Video on Demand Plattformen auf.

Da die Digitalisierung auch den Frequenzmangel behebt, steht jedenfalls eine Programmvermehrung bevor, die ihrerseits wieder Metamedien auf den Plan rufen wird. Sie sollen den Zuschauern helfen, sich im digitalen Überfluss zurechtzufinden. Elektronische Programmführer werden immer wichtiger werden und eine zentrale medienpolitische Forderung der öffentlich-rechtlichen lautet denn auch, sie müssten nicht nur in den diversen Plattformen diskriminierungsfrei vorkommen (sogenannte must-carry-Regelung), sondern es müsse auch dafür gesorgt werden, dass sie jederzeit und überall auffindbar sind – die sogenannte „moust-be-found“- Regelung.

Mit der Digitalisierung verbilligen sich zugleich auch Programme und es wird möglich, auf der Grundlage viel kleinerer Zuschauerschaften Spartenprogramme und Spartensender aufzubauen. Derzeit schießen zahlreiche Sender aus dem Boden und der alte Spruch vom Spartenkanal für Jäger und Fischer wird real - Von HelpTV des Jürgen Fliege über das Gesundheits-TV, vom Bestattungskanal zu Astro-TV finden sich schon jetzt zahlreiche Spartenkanäle im digitalen Satellitenfernsehen. Dazu kommen noch die IP-TV-Sender, die sich ausschließlich im Netz tummeln, von Ehrensenf bis Hausgemacht.tv.

Mit der Digitalisierung eröffnet sich zugleich auch die Möglichkeit eines ganz anderen Zugangs zu den Zuschauern, sozusagen von der medialen Schrotflinte zum Gewehr mit Zielfernrohr. Digitale Datenströme ermöglichen genaue Adressierung der Zuschauer, im Extremfall sogar des einzelnen Zuschauers. Das allerdings funktioniert nicht bei Free-TV, beim freien Zugang zum digitalen Signal. Dazu müsste es verschlüsselt werden. Verschlüsselung liegt eigentlich in der inneren Logik von Digitalisierung unter kommerziellen Bedingungen. Satellitenbetreiber sind mit dieser Idee auch schon öffentlich vorstellig geworden, aber medienpolitisch ist das derzeit nicht durchsetzbar. Aus der Welt ist die Verwandlung des Fernsehens in Bezahl-Fernsehen damit aber noch lange nicht.

Schließlich noch einige Zahlen über die Digitalisierung, entnommen dem neuesten Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten. Die Medienwächter gehen übrigens davon aus, dass die endgültige Umschaltung von analog auf digital nicht wie geplant 2010 vollständig vollzogen sein wird. Das kann sich noch um zwei Jahre verzögern.

Inzwischen ist der Anteil der deutschen Fernsehhaushalte, die digitales Fernsehen empfangen können, 2006 auf 40 Prozent gestiegen. 2005 waren es noch 31,6, Prozent. Allerdings haben sich die Übertragungswege unterschiedlich entwickelt. Am weitesten vorangeschritten ist die Digitalisierung beim Antennenfernsehen, dem so genannten DVB-T. 86% der terrestrischen Haushalte empfangen digital. Das ist allerdings auch kein Wunder, denn die analoge terrestrische Übertragung ist weitgehend eingestellt worden. Damit hat die Terrestrik auch ihren Anteil an den Übertragungswegen von 9,2 % auf 11,5 % steigern können. Beim Satellitenfernsehen ist der Anteil der Digitalhaushalte auf über 57 % gestiegen. Die geringste Steigerung der Digitalhaushalte und den kleinsten Anteil dagegen findet man im Kabelfernsehen, das in Deutschland der der wichtigste Übertragungsweg ist. Nur 16,2 % der Kabelhaushalte haben auch einen digitalen Empfänger.

Soweit einige Markierungspunkte im Mediensystem als Ganzes. Welche Folgen wird diese Entwicklung haben? Vor wenigen Wochen hatten die Gremienvorsitzenden der neun ARD-Anstalten auf ihrer Gremienvorsitzendenkonferenz ein Schockerlebnis. Sie hatten Tim Weber von BBC News Interactive eingeladen, er leitet dort die Wirtschaftsredaktion. Seine Diagnose war kurz und niederschmetternd. Sie lautete „Der Sender ist tot.“ Mit linearen, zeitabhängigen Programmen sei der neue Medienwettbewerb nicht zu gewinnen. Die Onlinewelt kenne keine Programme. Die neuen Videoplattformen würden den Medienkonsum zersplittern. Die BBC reagiere darauf mit einer „Multiplattform“-Strategie. Inhalte werden nicht mehr nur für ein Medium, sondern multimedial erstellt. Die Sender müssten dorthin gehen, wo das Publikum sei und das Publikum wolle zunehmend selbst bestimmen, wann und wo es mit den Medien umgehe. Weber zitierte auch den BBC-Generaldirektor Marc Thompson, wohin die Entwicklung gehe: nämlich "vom passiven zum aktiven Publikum, das sagt, was es will, wie es das will und wann es das will".

Ganz so dramatisch scheint man bei den Öffentlichrechtlichen den Niedergang des ganz gewöhnlichen Fernsehens und das Verschwinden der Couch-Potatoes nicht vorauszusehen – man weiß freilich nicht recht, ob hier nicht Pfeifen im dunklen Wald angesagt ist.

Aus der Sicht des ARD-Vorsitzenden Fritz Raff jedenfalls gehen ARD und ZDF geradezu umgekehrt zur BBC vor. Während die BBC Fernsehen und Radio von den Internatplattformen aus definiert, definieren die Öffentlichrechtlichen ihre Internetplattformen von Radio und Fernsehen aus und wollen entsprechend mit kleinen Schritten vorangehen.

Das klingt irgendwie einleuchtend, trifft aber die Wahrheit auch nur zum Teil. Denn tatsächlich steckt in den Digitalstrategien beider Sender mehr und die Digitalisierung hat ja auch ihre eigene Logik. Das kann man eben deutlich sehen an der Verwandlung von bisher unscheinbaren Digitalprogrammen wie „EinsExtra“ oder „ZDF-Info“ in Nachrichtenkanäle.

Das ZDF war mit seiner Digitalstrategie schon etwas früher fertig als die ARD. Im Februar wurde sie vom Verwaltungsrat die Digitalisierungsstragie abgesegnet. Ihr Kern ist: Abruf-Fernsehen werde zu einem festen Bestandteil der Fernsehnutzung gehören und das an feste Zeiten gebundene Echtzeitfernsehen ergänzen. ZDF-Intendant Markus Schächter hat dazu auf der Funkausstellung erklärt, das sei "Kerngeschäft" des Senders und ein "unabdingbares Komplementär zum Echtzeitfernsehen.“

Die jetzt zur Funkausstellung vorgestellte Version der „Mediathek“ ist eine Videoplattform. Darüber bietet das ZDF, vergleichbar dem Beispiel der BBC, den Zuschauern an, innerhalb von sieben Tagen kostenlos Programme herunterzuladen, vor allem Informationen und Dokumentationen. Begrenzt ist die Auswahl durch die Urheberrechte. Viele Sendungen stehen deshalb nicht auf Abruf, weil die Rechte dazu nicht vorliegen. Markus Schächter hat auf der IFA angekündigt, mit den Produzentenverbänden Verhandlungen aufnehmen zu wollen..

Wie sich diese „Mediatheken“ entwickeln werden, wird man sehen. Ganz klar scheint ihr wirklicher Mehrwert noch nicht. Wer wird schon Nachrichten, die er am Vorabend verpasst hat, am nächsten Morgen nachholen? – da kann er gleich zum Frühstücksfernsehen gehen. Interessanter wird sein, ob die Fernsehsender mit den Programme, die sie eigentlich nur recyclen, auch etwas Neues zusammenrecyclen und einen neuen Zusammenhang herstellen.

So etwas hat das ZDF durchaus vor – nämlich zum Beispiel ein Abrufportal für Schulen und Schüler, in dem historische und Bildungsprogramme zu neuen digitalen Programmkombinationen zusammengefügt werden und auf das die Bildungsträger zugreifen können. Ob es bei der Devise, Mehrwert ohne Kosten blieben wird, ist auch nicht wirklich vorauszusagen. Je mehr Leute die Videothek in Anspruch nehmen, umso mehr steigen auch die Kosten. Derzeit hat das ZDF für dafür einen Jahresetat von 4,2 Millionen Euro angesetzt, davon zwei Millionen für den Rechteeinkauf.

Die ARD folgte im Juni mit einer öffentlichen Präsentation ihrer Digitalstrategie, die ähnlichen Prinzipien folgt. Federführend ist der SWR, der den Auftrag hat, ein On- Demand-Angebot sicherzustellen. Gleichzeitig hat der SWR selbst, wie andere ARD-Sender auch, ein eigenes Download-Portal eingerichtet. Im WDR steht „Regional Portal“ geben, in das die regionale WDR-Lokalzeit hineinarbeitet.

In der ARD sieht man Fernsehen nach dem Internetprotokoll als kommenden vierten Übertragungsweg. Die ARD will man nach der Formel „Umbau statt Ausbau“ agieren, also keine neuen Inhalte schaffen, sondern die vorhandenen Inhalte bündeln und für sie neue Zugänge schaffen. Das dürfte, wie beim ZDF auch, zu neuen „Contentformaten“ führen. Die ARD denkt hier an drei Themengruppen: Programme für Kinder, Wissensprogramme und Programme für die Integration. Auf der Funkausstellung hat die ARD nur eine Showversion ihrer „Mediathek“ vorstellen können, will aber im Herbst gleichfalls mit einem Abrufangebot aufwarten. Außerdem ist die ARD mit der „100 Sekunden-Tagesschau“ auch schon ins Handy-TV eingestiegen, seit dem 16. Juli. Das ZDF ist zur IFA mit der Schmalspurausgabe von „heute“ gefolgt.

Was bedeutet das alles für die dokumentarischen Programme? Wie es im Moment aussieht, sind derzeit gerade die Öffentlich-rechtlichen die Gewinner der Entwicklung, jedenfalls solange die neuen Player auf dem Markt noch nicht so recht aus den Starterboxen kommen. Aus dem Zwang, sich öffentlich-rechtlich legitimieren zu müssen, entwickelt sich eine Diskussion um Qualität und um gesellschaftlich-relevante Inhalte, die durchaus nützen kann. Denn die privaten haben zwar gute Umsätze, aber ein schlechtes Image, wie etwa die Diskussion um SAT.1 und die Heuschrecken zeigt.

Das Stichwort der Stunde ist „public value“, gesellschaftlicher Mehrwert. Mit „public value“ wollen sich die öffentlich-rechtlichen Sender legitimieren. Sie bekommen das auch von der EU aufgedrückt. Die EUKommission verlangt einen „public value test“, bei dem geprüft werden soll, ob neue digitale Angebote zum öffentlich-rechtlichen Auftrag passen. Einer solchen Prüfung des gesellschaftlichen Mehrwerts werden die Sender sich also stellen müssen – die BBC hat diese Übung schon absolviert. In Deutschland denken die meisten Sender noch, mit den jeweiligen Selbstverpflichtungen, die fast mehr so etwas wie Selbstdarstellungen sind, kämen sie über die Runden. Da werden sie sich wohl täuschen.

Insgesamt bedeutet das, dass der Bedarf an dokumentarischen Programmen jedenfalls nicht sinkt. Sie zählen zum Kernbestand öffentlich-rechtlichen Fernsehens, wie jedenfalls ZDF-Intendant Markus Schächter immer wieder betont und dabei nie vergisst „37 Grad“ zu erwähnen. Das wäre die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, dass mit der großen Programm- und Kanalvermehrung die Produktionskapazität nicht ausgeweitet wird. Es handelt sich in der Regel um Neukombinationen und Mehrfachverwertung vorhandener Programme. Verstärkt wird eher der ohnehin schon starke Druck in Richtung Formatierung und Modularisierung der Produktionen, damit sie in verschiedenen Kontexten recycelt und in neuen Kontexten neu zusammengesetzt werden können. Das geschieht allerdings ohnehin schon seit Jahren und wird sicherlich noch mehr werden. Dagegen wird sich die Nischenstellung, in der sich der klassische Autorendokumentarfilm befindet, nicht auflösen.

Was die „Mediatheken“ angeht - zieht man aus den aufgeregten Diskussionen die interessengeleiteten Informationen und Interpretationen ab, so ergibt sich für die nächsten Jahre das Bild, dass das nicht-lineare Abruffernsehen zwar neben das lineare Echtzeit-Fernsehen treten, es aber nicht ablösen wird.

Interessant wird auch werden, wie sich die jetzt angeleierten öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanäle entwickeln werden. Bis jetzt haben wir beobachten können, dass sich Nachrichtenkanäle zu Abspielplätzen für Dokus entwickelt haben. N24 oder n-tv zum Beispiel mit ihen meist so genannten männeraffinen Programmen mit Monstermaschinen und HighTech. Aber auch „Phoenix“ hat sich eigentlich vom Ereignis- zum Doku-Kanal entwickelt und gräbt 3Sat deutlich das Wasser ab.

Die zentrale Frage ist, ob beispielsweise Zweit- oder Drittverwertungen auf neuen Kanälen oder in neuen Kontexten honoriert werden. Oder ob die bisherige Praxis fortgesetzt wird, genau dies nicht zu tun. (Da geht es uns Journalisten übrigens nicht anders – wir haben alle zur Unterschrift vorgelegt bekommen, dass wir alle Verwertungsrechte an unseren Texten abtreten müssen). Im ARD-Strategiepapier findet sich dazu folgende Passage: „Für die zusätzliche Ausspielung bereits bearbeiteter Inhalte auf weiteren Wegen entsteht redaktionell nur ein vergleichsweise geringer Aufwand. Hinsichtlich der urheber- und leistungsschutzrechtlichen Nutzungsrechte bemüht sich die ARD, die bisherigen Regeln zur Wiederholungs- und Übernahme-Honorierung im Sinne einer Zeitfenster-Regelung den Nutzungsformen in der digitalen Welt entsprechend fortzuentwickeln. Technische Verbreitungskosten sind im Internet abhängig von Nutzerzahl und Nutzungsdauer, aber unabhängig von Zahl und Umfang der unterbreiteten Angebote.“ Das klingt nicht danach, als wollten die Sender künftig für mehr Programm auch mehr Geld ausgeben.

Angesichts dieser Lage ist es nur logisch, wenn etwa Dokumentaristen andere und neue Wege der Verwertung suchen. Ich würde dennoch dafür plädieren, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern den alten Brecht’schen Satz anzuwenden, wonach die Widersprüche die Hoffnungen sind. Wenn ARD und ZDF auf „public value“ setzen wollen oder müssen, dann haben die Dokumentaristen etwas anzubieten. Ihr Genre ist nicht spezialistisch, sondern generalistisch. Sie befriedigen nicht Spezialinteressen für Spezialkanäle, sondern öffnen den Blick in die Welt, können Zuschauer überraschen und mit Unerwartetem konfrontieren.

Das kann, angesichts der Tendenz zum selbstgenügsamen Konsum, den die Zielgruppenmedien bieten, nicht nur verlockend sein, sondern auch notwendig. Die Gesellschaft produziert Widersprüchliches. Einerseits Spezialmedien für Spezialinteressen und Fachidioten, selbstgenügsamen Konsum nach einmal erkannten Vorlieben. Andererseits kann die Gesellschaft solche reduzierte, eingeschränkte Wahrnehmung gar nicht brauchen. Sie braucht wache Leute, neugierige, veränderungsbereite und veränderungsfähige, flexible Menschen. Kurz: Sie braucht Kultur und nicht nur Konsum.

Ich will das abschließend am Hörfunk, wo die Entwicklung schon etwas weiter ist, illustrieren. Natürlich haben wir die vielen lärmenden Musikabspielmaschinen mit Werbekrach, die lokalen Radios mit Werbeunterbrechung, die Großstadtradios mit ihren schwachsinnigen Gewinnspielen – und dennoch macht in den letzten Jahren die Erfahrung, dass die Qualität des Radios durchaus gefragt ist, ob in Echtzeit oder als podcast, ob analog oder digital. Wortprogramme z.B. werden von zunehmend mehr Leuten für wichtig erachtet. Viele wollen einfach nicht mehr tot gedudelt und tot gelabert werden. Sie wollen sogar etwas lernen.

Ich habe jüngst ein langes Gespräch mit Alfred Treiber gehabt, dem Programmchef des österreichischen Kulturradios Ö1. Das ist auch in Minderheitenprogramm, aber mit einer Tagesreichweite von 8,8 Prozent das auffälligste und auch in Europa das außergewöhnlichste.
Diese Position hat es sich nicht erkämpft durch Anpassung an die jeweils neuesten Moden. Sondern geradezu durch die Weigerung, sich als Nebenbei- Begleitprogramm zu definieren. Ö1 definiert sich explizit als Kultursender, kümmert sich sehr genau darum, was seine Zuhörer hören wollen, betrachtet sie aber als mündige Wesen und nicht als radiophone Idioten. Die Macher bestehen darauf, dass ihr Gegenstand Kultur ist. Dass z.B. Musik ein schöpferisches Ereignis ist (und nicht bloß Weichmacher nd Entspannung) und Information komplex und nicht bloß ein Häppchen und ein Schluck. Dass es nicht rückständig ist, etwas lernen zu wollen – in der wachsenden Unübersichtlichkeit umso mehr. Das ist der eigentliche Inhalt von „public value“ - und diesen Wert einzulösen, darauf sollte man drängen, solange es noch etwas zu drängen gibt.