PresseechoAusgewählte Presseartikel zu Veranstaltungen und Publikationen der dfi Pressestimmen zum Symposium "Dokumentarische Verfahren in der Kunst" 19.-21. Okt. 2012, Köln»... Wenn der Film ins Museum kommt, verläßt er auch die diskursive Praxis des Kinos und tritt in die diskursive Praxis der Bildenden Kunst ein. Filmgeschichte und Filmtheorie bilden einen anderen Kontext als Kunstgeschichte und Kunsttheorie, so Stefanie Schulte Strathaus, Film- und Videokuratorin und Mitglied des Auswahlkomitees des Berlinale Forums. Sie fragte, wer die Entscheidungen treffen soll, in welchem Diskurs eine Arbeit wahrgenommen wird. Im 2006 gegründeten Forum Expanded können zwar Filme gezeigt werden, die den Anforderungen des Forums-Programms nicht entsprechen und eher auf einen Ausstellungsraum als ein Kino zielen, aber ein gemeinsamer Diskurs-Raum ist das, als Teil der Berlinale, noch nicht. Zwei Tage land war der Diskurs über das Dokumentarische als Material oder als Strategie oder als Methode, über Fragen nach dem Aufführungsort als Unterscheidungsmerkmal, dem Genre oder den Inhalten von dokumentarischen Arbeiten, eher in den Arbeiten versteckt und nur punktuell deutlich angesprochen worden. Dann zeigte der schottische Künstler Luke Fowler, dieses Jahr nominiert für den Turner-Preis, seinen Film "All Divided Selves" (2011) über den Psychiater Ronald D. Laing (1927-1989). Fowler gelingt es durch Rückgriffe auf den Experimentalfilm viel eher als auf den Dokumentarfilm, durch das Zusammenfügen von Archivmaterial, sowohl aus Filmen und Fernsehen wie auch Radioton, mit selbst gedrehten Aufnahmen, nicht nur ein Porträt von Laing zu zeichnen, sondern gleichzeitig die Rolle der Massenmedien in der Wahrnehmung von Laing mitzureflektieren und deutlich zu machen. ...« Elisabeth Neudörfl in Camera Austria International 120/2012 »Oft reiten viel beschäftigte Referenten bei Tagungen nur für eine Nacht ein. Bei der diesjährigen Tagung der Dokumentarfilminitiative (dfi) in Köln zu dokumentarischen Verfahren in der Kunst aber blieben viele der geladenen Wissenschaftler und Künstler die vollen drei Tage, obwohl - oder weil - die Veranstaltung kein in viele Sektionen ausufernder Weltkongress, sondern ein überschaubarer Spezialistentreff war. Von Beginn an dabei auch der Turner-Preis-nominierte Glasgower Filmkünstler Luke Fowler, der sich am Sonntag erst mal entschuldigte, mangels Deutschkenntnissen vieles nicht verstanden zu haben. Er hoffe darum, nicht mit Wiederholungen zu langweilen. Unbegründete Sorgen: Denn der gar nicht mehr so junge (Jahrgang 1978), aber jungenhaft aussehende Mann glänzte nicht nur im einstündigen Gespräch mit allürenfreier Kompetenz in europäischer Geistesgeschichte. Auch sein in Köln vorgestelltes R.-D-Laing-Porträt passte zu den dort gestellten Fragen nach der dokumentarischen Befruchtung künstlerischer Ausdrucksweisen. Aber was heißt schon "Porträt"? "All Divided Selves" ist eine aus Archivmaterialien und selbst gedrehten lyrisch-persönlichen Ein-/Überlagerungen raffiniert kompilierte Bild-Ton-Collage, die die Rehabilitierung der im öffentlichen Diskurs zur Karikatur verkommenen Figur des Psychiatriekritikers mit medienkritischen Reflexionen kontrapunktiert und das Publikum in einen Sog synästhetischer Erfahrung reißt: perfekte Symbiose von politischem Impetus und ästhetischer Vollendung. So ist die von Galerien produzierte und in Köln als 90-minütiger Film vorgestellte Arbeit aus dem filmkünstlerischen Zwischenreich auch anregendes Beispiel "Dokumentarischer Verfahren in der Kunst", wie die Dokumentarfilminitiative das Symposium betitelte. Ein angesichts des sich öfter der Wirklichkeit zuwendenden Kunstgeschehens naheliegendes Thema, dessen Formulierung sich aber als vertrackt erweist. Denn was überhaupt sind - jenseits der Recherche - "dokumentarische Verfahren"? Und was ist - jenseits des institutionellen Betriebs - die Kunst? …« zum ganzen Artikel Silvia Hallensleben in ‚die tageszeitung’ (taz), 23. Okt. 2012 «… Bewegen sich hier zwei Kunstkulturen aufeinander zu? Werden Museen für Dokumentarfilmer zur neuen Heimat? Was wiederum bedeutet das für den Film? Kann es passieren, dass bald viele Filme ohne innere Notwendigkeit und zum Schaden der Narration installativ präsentiert werden? Diesen virulenten Fragen ging jetzt in Köln eine engagierte Konferenz der Dokumentarfilminitiative (dfi) und der Kunsthochschule für Medien unter dem Titel „Dokumentarische Verfahren in der Kunst“ nach. Als auffälligstes Ergebnis sei festgehalten, dass die Kulturen sich aufeinander zubewegen mögen, von Verschmelzung aber nicht die Rede sein kann. Es war doch meist sehr klar, auf welcher Seite man sich verortet. …« Oliver Jungen in ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung’ (FAZ), 25. Okt. 2012
»Ein Mann fährt nachts auf einer handgetriebenen Draisine durch das Tunnel - und Schienensystem von Bahn und S-Bahn in Berlin: Stadt-Erfahrung im wörtlichen Sinn. Acht Minuten dauert diese Film-Fahrt. Sie ist eine poetische Metapher dafür, wie man sich in einer Stadtlandschaft bewegen kann, eine Polemik auch gegen die Beschleunigung., „Zwischenzeit“ nennen die Aktionskünstler Mischa Leinkauf und Matthias Wermke ihren Film. Er wird auch in Galerien als Videoinstallation gezeigt, dann 17 Minuten lang auf drei Bildschirmen und in Loops. „Zwischenzeit“ lässt sich nicht nur auf das Dazwischen im regulären Schienenverkehr beziehen, sondern auch auf die Erzählweisen: Dokumentarisch sind Film und Videoinstallation insofern, als sie eine Kunstaktion dokumentieren und Videokunst sind sie insofern, als die Aktion nur über das Video sich vermittelt. Gesehen hat den Draisinefahrer sonst niemand, schon gar nicht die Bundesbahn. “Zwischenzeit“ war eines der interessantesten Beispiele für Grenzgängerei im Dokumentarischen, die sich die Tagung “Dokumentarische Verfahren in der Kunst“ zum Thema gesetzt hatte. Die Partnerschaft mit der Kunsthochschule für Medien (KHM) lag auf der Hand, weil dort übergreifend ausgebildet wird, jedenfalls theoretisch. In der Praxis laufen auch dort das Betriebssystem Kunst und das Betriebssystem Dokumentarfilm weitgehend berührungsfrei nebeneinander her. Die Tagung interessierte sich vor allem für die „fluide gewordenen Grenzen zwischen Kino/Fernsehen und Ausstellungsraum/Museum". Die Tagung war überraschend gut besucht (allerdings waren nur vergleichsweise wenige Dokumentaristen zu sehen). Es gibt also offenbar ein Bedürfnis, sich über die Eroberung jeweils neuer Kunst-Verfahren zu verständigen. … « Fritz Wolf in epd medien vom 26. Okt. 2012, NR 43
»... Die auch anwesenden Dokumentarfilmer musster erst einmal schlucken, dass sie offenbar nicht als Künstler galten - wenn man Ausführungen der Museum-Ludwig-Kuratorin Barbara Engelbach ernst nimmt. Dafür waren einige der gezeigten Videos so, dass die Dokumentaristen entsetzt waren - andere boten interessante, emotionale Momente, von denen auch sie lernen konnten. (...) Videos wie die von Mischa Leinkauf und Matthias Wermke sowie von Phil Collins sowie Luke Fowler zeigten, dass die Videokunst durchaus interessante Aspekte zu bieten hat. ...« Eckart Lottmann in Film & TV Kameramann 12/2012 »…Dass es auch bei traditionell dokumentarischen Arbeiten durchaus gelungene Ansätze gibt, eigene Darstellungsstrategien selbstreflexiv mit zu inszenieren, blieb auch im Eröffnungsvortrag von Katrin Mundt unerwähnt, einem ansonsten breit angelegten und anspielungsreichen Streifzug durch das „Dokumentarische in der Kunst seit den1990er-Jahren“, der sich von Hito Steyerls schönem Begriff der „dokumentarischen Unschärferelation“ bis zu einer kritischen Rehabilitierung des Re-Enactments aus dem Geiste Hannah Arendts vorarbeitete. Deutlich gemacht wurde die Dialektik vom Dokument als Mittel staatlicher Kontrolle und Selbstausdruck („Nur wer dokumentiert ist, ist sichtbar und wird gehört“). Dass auch das Kuratieren ein „dokumentarisches Verfahren“ ist, zeigte Barbara Engelbach, Kuratorin für Fotografie, Film und Video am Kölner Museum Ludwig, am Beispiel dreier an unterschiedlichen Logiken (Diagramm, Archiv, Choreografie) ausgerichteten Ausstellungen zu Filmemachern in ihrem Haus (Harun Farocki, Jonas Mekas, Yvonne Rainer). Oder wäre vielleicht doch der Begriff Fiktionalisierungsverfahren nützlicher, den der Videokünstler (und Düsseldorfer Kunstakademieprofessor) Marcel Odenbach ins Gespräch brachte? …« Silvia Hallensleben in ‚Der Standard’ vom 30. Okt. 2012
» … Es war KHM-Professor Dietrich Leder vorbehalten, die Rolle des Provokateurs zu spielen, und diese Rolle spielt er gar zu gern. Er mokierte sich über die wenigen Betrachter der Kunst-Installationen, die sich zudem immer gegenseitig fotografierten, um beweisen zu können, dass sie da gewesen seien. Den „Loop“ sah er als „faulen Zeitkompromiss“, der „jedes Videokunstwerk schwächt“. Nur wenige Minuten verweilten die Betrachter in einer Video-Installation. Leder formulierte das alles eher kokett und charmant, und so war ihm auch deshalb keiner böse. Christa Blümlinger, die anschließende Referentin, Filmprofessorin aus Frankreich, stellte nun ihre Untersuchung vor, die sich auf über hundert Jahre alte Filmbilder bezog: „The March of Men“ zeigt Afrikaner im Profil, die gehen. Hier war sie wieder, die bemühte Theoriebildung, die gerne Fremdwörter verwendet und in der Praxis nicht hinterfragt werden kann. Da war Marcel Odenbach interessanter und praktischer. Odenbach ist selbst Professor und Macher, und er zeigte ein junges Werk und ein ganz altes. Das alte hieß „Abwarten und Tee trinken“ und war 1978 mit einer der ersten, noch schwarz-weiß arbeitenden tragbaren Videoanlagen gemacht. Diesen „Portapak“ samt Handkamera baute Odenbach zur besseren Anschauung vor sich auf. Das junge Videoprojekt hieß „Disturbed Places“ und wurde in wunderbar scharfer und auflösungsreicher Technik realisiert. Diese „Disturbed Places“ kann man sich auch (sofern noch nicht geschehen) als Fernsehprojekt vorstellen. Obwohl auch hier die langen Einstellungen zu finden sind, diese Suche nach den Bildern, dieses Fasziniertsein von dem, was vor der Kamera ist. ….« Eckart Lottmann auf www.agdok.de Berichte zur Tagung "Politik und Dokumentarfilm. Politiken des Dokumentarfilms" 13.-15. Okt. 2011, Köln Interview mit Eva Hohenberger im Deutschlandradio in der Sendung Corso vom 13.10.2011.
"… Dokumentarfilm und Politik - Politiken des Dokumentarfilms" hieß die von der Dokumentarfilminitiative Nordrhein-Westfalen veranstaltete und inhaltlich von der Diskurswerkstatt Bochum/Dortmund ausgestaltete Tagung, die aus der kritischen "Kartografie eines diskursiven Konjunkturfeldes" das Spannungsfeld zwischen den Erwartungen an Wirksamkeit, der Autonomie künstlerischer Intervention und den Zwängen medialer Praxis untersuchte: Ein Raum, der über das Kino hinaus Fernsehen, Videoarbeiten und Kunst umfasst. Dabei waren Moore wie auch die aktuellen Antiglobalisierungs- oder "Foodwatch-Filme" nur Ausgangspunkt einer Reise, die vom Aktionismus des Bewegungsfilms zu Arbeiten führte, die konventionelle Formen der Repräsentation - etwa in Zeitzeugen-Interviews - durch vielfältige Strategien unterlaufen. Und am Ende verwarf Brigitta Kuster im Rückgriff auf Tonio Negri und Marguerite Duras den Begriff des Dokuments ganz. …" Silvia Hallensleben in der taz vom 17. Okt. 2011 zum ganzen Artikel
„ … Besonders kritisch näherte sich die Veranstaltung dem Doku-Entertainer Michael Moore, dessen jüngstes Werk ‚Capitalism: A Love Story’ zur Aufführung gelangte. Insbesondere der Österreicher Robert Misik untersuchte im Panel ‚Propaganda’, inwieweit Moores Werke nicht bereits derselbigen zugeordnet werden können. Der Meinungsmacher war zuletzt verstärkt in die Kritik geraten (…) Dass die Tagung bei der Mehrzahl der Besucher am Ende womöglich sogar mehr Fragen aufgeworfen hat, als sie zu beantworten imstande war, sieht die Leiterin Petra Schmitz eher unproblematisch: ‚Ich persönlich wünsche mir, dass der enorme Input, den wir hier bekommen haben, noch lange in den Teilnehmern arbeitet.’“ Martin Boldt im Kölner Stadtanzeiger vom 18. Okt. 2011
„… Vor allem aber prägte ein mehr oder weniger klares Vorverständnis diesen Kölner Diskurs, das speziell das Nichteindeutige als ein explizit Politisches … und ‚Bilder in der Schwebe’ als die genuin politischen Bilder markieren wollte. Dahinter steckte unausgesprochen die Absicht, nur ja nicht mit dem Fernsehen in Berührung zu kommen. Den angemessenen Ort für den politischen Dokumentarfilm sahen die Veranstalter denn auch eher im Kunstkontext. …“ Fritz Wolf in epd medien, Nr. 42, 21.Okt. 2011 "... Mehreren Referaten war gemein, dass sie die Kriterien „politisch“ und „apolitisch“ nicht nur an Inhalt und Zielen, an der Wirkung des Films festmachen wollten. Sie sprachen auch von der Gestaltung: Sind die Bilder „konventionell“, folge die Machart insgesamt den wie Klischees bekannten Prinzipien, waren sie eher geneigt, den Film (oder Teile des Films) als „apolitisch“ einzuordnen. Zu spüren war, wenn ich es einmal emotional formulieren darf, der kalte Hauch der Wissenschaft: Da werden Kategorien formuliert, Einteilungen getroffen, und von Leidenschaft, Sensibilität, von Gefühlen ist nichts zu spüren. ..." Eckart Lottmann, AG DOK Homepage „…Entscheidend ist der Umgang mit den Bildern. Neben ihrer Verwendung als direkte Beweismittel und primäre Informationsträger können, wie Bastian Blachut im Einführungsreferat zum zweiten Tagungstag erläuterte, Bilder als Material beispielsweise für eine Filmmontage eingesetzt werden. Durch Einbringen in neue Zusammenhänge können sie – entlarvend, in verfremdeter Form – einer kritisch-ästhetischen Reflexion zugeführt werden. Die offene Sympathie der Veranstalter gehörte jedoch einer dritten Variante: dem Gebrauch der Bilder als „Markierung“. Unter diesem Begriff wird eine Verwendung von Bildern ohne einordnende Bildlogik verstanden. Sie dienen dann dazu, die Situation als eine offene zu beschreiben, einen Möglichkeitsraum aufzuzeigen, das Prozesshafte deutlich zu machen. Als Filmbeispiel hierfür wurden dokumentarische Aufnahmen vom Tahrir-Platz in Kairo gezeigt, dem Zentrum der ägyptischen Protestbewegungen im Frühjahr 2011. …“ Brigitte Knott-Wolf in funkkorrespondenz, Nr. 43, 8. Nov. 2011 "...Wer Michael Moore vorwirft, er manipuliere das Material seiner Filme um der Pointe willen, der hat den Gestus dieser Filme wohl nicht verstanden. ...Andererseits ist es mit der Parteilichkeit nach dem Ende der großen Erzählungen so eine Sache, weshalb die Filme von Michael Moore einem überkommenen Politikverständnis des 'Ihr da oben, wir hier unten' aufsitzen. Julia Zutavern differenzierte deshalb zwischen einer 'Politik der Politik' und einer 'Politik der Kunst', wobei es letzterer darum gehe, 'die Kontingenz der herrschenden Ordnung sichtbar zu machen'. Sie bezog sich dabei explizit auf den Althusser-Schüler Jacques Rancière, dessen schillernde Theoreme sich fortan wie rote Fäden durch die Vorträge und diskussionen zogen. So erwiesen sich gerade die Filme, die in einer größeren Öffentlichkeit wahrscheinlich exemplarisch für die Renaissance des politischen Dokumentarfilms stehen - die Filme von Michael Moore oder Errol Morris (...) so wie Arbeiten wie 'Let's make money', 'We feed the World' etc. - bestenfalls als Auslaufmodelle eines überholten, weil vor -politischen Dokumentarismus. ..." Ulrich Kriest in filmdienst 25 / 2011, 8. Dez. 2011 ganzer Artikel |