Ein programmatischer Text

Kraftfelder
LaDOC Lectures Konferenz 2017

Physikalisch geht von einem Kraftfeld Kraft auf einen Körper aus. Psychologisch beschreibt es eine Situation, in der Kräfte aufeinander
einwirken. Halten sie sich die Waage, verändert sich nichts. Wirkt man abschwächend oder verstärkend auf diese Kräfte ein, entsteht Veränderung.Daher stehen diese beiden Aspekte im Zentrum der Konferenz: Die Strahlkraft künstlerischer Impulse und die Veränderung, der sie Form geben, die sie voran treiben.
Nachdem 2016 Arbeitsbiografien von Filmemacherinnen Thema waren, betrachten wir jetzt die Energie, die im Austausch mit Anderen, in kulturellen und aktivistischen Zusammenhängen und Bewegungen entstehen, und die im Film ihren Schnittpunkt finden.
Alle eingeladenen Gäste verbindet der Film als kollektives und öffentliches Ereignis, das künstlerische, politische, gesellschaftliche und soziale Aktivität erzeugt. Filme waren bis noch vor kurzer Zeit schwer verfügbar und Kinos daher wichtige Orte, um deren Programm sich eigene Kraftfelder bildeten - Arbeitszusammenhänge, Projekte und Netzwerke. Heute hat das Kino diese Rolle verloren, und es braucht andere Räume, in denen man sich gegenseitig wahrnimmt. Wie lässt sich das Zusammenwirken verschiedener Kräfte
beschreiben? Welche Rolle spielen dabei Theorie und Lehre? Was bedeuten Erfolg oder Scheitern für eine Gruppe, für Einzelne? Und wann ist ein Ziel erreicht?
Prof. Birgit Hein hat als Mitbegründerin von XSCREEN in den 60er Jahren in Köln die Materialität von Film und das Materielle seiner Produktion in der Öffentlichkeit etabliert. Für sie war diese Arbeit politisch.
In Gent wird ein einziges Kino Ausgangspunkt für eine Generation Kulturschaffender und politischer Aktivisten in Belgien. Paya Germonprez war nicht nur eine wichtige Akteurin in diesem Umfeld, sondern hat es in einem neuen Buch spannend nachgezeichnet.
In der Weiterführung dieser Positionen steht Dr. Alisa Lebow, deren filmische Arbeit nicht mehr im Kino stattfindet. Für ihre neuen Formen des Dokumentarischen schafft sie künstlerische und politische Räume im Netz.
Valeska Grisebach hat durch die Zusammenarbeit mit Komplizenfilm ein erfolgreiches Modell der Filmproduktion gefunden, das
durch Kollaboration Kontinuität und Handlungsspielräume eröffnet.
Madeleine Bernstorff, Mitbegründer*In des Sputnik-Kinos und des feministischen Kollektivs Blickpilotin e.V., wird mit Student*innen der FU und der KHM ein Kurzfilmprogramm für die Konferenz “Kollaborativ Kuratieren".

Filmemacherinnen und Filmemacher erleben die Bedingungen, unter denen Filme heute entstehen und wahrgenommen werden, immer mehr als Zumutung. Aber die Nötigungen sind nicht gerecht verteilt. Wir Frauen sind - 30 Jahre nach der vom Verfassungsgericht abgewiesenen Klage des Verbands der Filmarbeiterinnen - noch nicht wesentlich weiter gekommen. Zu wenig bewegt sich, gerade beim Geld. Wir suchen den Austausch zwischen den Generationen, den Gewerken und den Geschlechtern, um zu verstehen, wie die Situation entstanden ist. Ohne Verklärung und mit einem genauen Blick für die Möglichkeiten, Perspektiven und Strategien. Kraftfelder haben für uns eine besondere Bedeutung.